Sonntag, 14. Mai 2017

"Marcs TageBuch" von Sandra Scott (LR)

Hallo!

Bücher von Blue Panther Books sind wie ein Mensch, mit dem man vor 10 Jahren ein tolles Date gehabt hat, der sich aber im Laufe der Zeit in ein langweiliges Etwas verwandelt hat. Man hofft, dass er seine interessanten Seiten noch einmal offenbart, aber bei jedem weiteren Treffen ist der Reiz nicht da. Mit "Marcs Tagebuch" hat der Verlag einen Tiefpunkt erreicht, den nicht einmal "FeuchtOasen" geschafft hat. Während ich über "FeuchtOasen" schmunzeln konnte, weil es inmitten der Akte selbstironisch wirkt, musste ich bei "Marcs Tagebuch" überlegen, ob ich weiterlese. Der Reihe nach:


Allgemeines


 "Marcs TageBuch" erschien bereits im Jahre 2013 und hat 226 Seiten. Der Text wird als Papier- und E-Book-Version für ca. 10 EUR vertrieben. Zusätzlich wurde das Buch in 7 Teile geteilt, die man für je 1,50 EUR erwerben kann.


Ich habe das Buch über eine Leserunde bei LovelyBooks bekommen.

Im zweiten Band "Isabelles Tagebuch" wird die Handlung aus Sicht von Isabelle, einer der Hauptfiguren, weitergeführt.

Inhalt


Die Rahmenhandlung zeigt Marcs Therapeutin, die ihn wegen einer Überarbeitung behandelt und ihm deshalb Urlaub in Barcelona verordnet. Dort soll er Tagebuch schreiben.

Marc wiederum erklärt uns, dass er in Deutschland in einer Studie zu Orgasmen gearbeitet hat und nun an einer Studie in Barcelona mitarbeiten soll. Danach verlängert er die weitere Zeit als Urlaub.

Kernhandlung ist der Hahn bzw. Marc inmitten dreier verschiedener Damen, mit denen er eine sexuell entspannte Zeit verbringt. Damit es nicht zu langweilig wird, gibt es im letzten Viertel Spannung und Action und eine Moral zur Geschichte.

Charaktere


Marc ist Mitte 20 und wirkt klug, aber etwas naiv. Er ist der typische Held solcher Geschichten: Naiv genug, um die Ereignisse als besonders und aufregend zu empfinden und intelligent genug, damit der Leser ihn ernst nimmt und Sympatie aufbaut, aber über ihn schmunzeln kann.

Isabelle ist die starke Frau, zu der sich Marc hingezogen fühlt. Isabelle überschreitet gern Grenzen (z.B. indem sie die Studie manipuliert), hat aber ein dunkles Geheimnis.

Claire ist die Nymphomanin der WG. Sie schläft gern mit Männern und Frauen und wird sauer, wenn sie nicht mit Menschen schlafen kann.

Carmen hat ein Geheimnis, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Ich finde es toll, wie der Roman mit ihr umgeht!

Die Figuren innerhalb der WG schlafen ständig in unterschiedlichen Konstellationen miteinander, bleiben aber flach.

Themen


Gemeinschaft: Der schönste und wichtigste Aspekt. Die vier Figuren sind sich körperlich meist sehr nah, geben sich aber auch emotionalen Halt. Marc genießt innerhalb der Gruppe Freiheiten und wird wenig gefordert. Am Ende sieht man, dass die Frauen Schwierigkeiten haben, für seine Interessen einzutreten, aber den Schlussgedanken konnte ich gut nachvollziehen: Es war eine WG, die für sechs Wochen existierte. Eine schöne, begrenzte Zeit.

 [Spoiler]

LGTBQ: Carmen ist transsexuell und hat noch einen Penis. Für Marc ist das anfangs befremdlich und Carmen schämt sich vor ihm. Im Verlauf des Buches gewöhnen sich beide aneinander und testen "alles" aus. Ich finde es gut, dass das Buch das Thema aufgreift und (innerhalb der Grenzen eines Erotikromans) realtiv tief behandelt. Man sieht Marcs Ängste. Allerdings steht es nicht zu sehr im Mittelpunkt. Der Toleranz-Gedanke wurde gut umgesetzt, ohne dass es zu aufdringlich wirkt.

[/Spoiler]

Erotik: Die "Action" findet meist zwischen Marc und den Frauen oder innerhalb der Frauengruppe statt. Freunde lesbischer Spielchen werden Spaß haben. Obwohl manchmal Körperflüssigkeiten spritzen, sind die Akte realtiv "normal", es gibt weder SM noch andere "Extreme". Fast :-) Sowohl die Schauplätze als auch die Techniken sind variantenreich, mir waren es aber zuviele Szenen.

Die Studie: Darüber erfährt man wenig. Obwohl es ein Kernpunkt des Klappentextes ist, gibt es nur wenige Infos: Es geht um Orgasmen, die Teilnehmer sollen mastrubieren, während sie im MRT liegen. Bis auf ein kleines Detail passiert nichts. Wirklich nichts.

Dramaturgie


Der Roman hat eine Rahmenhandlung, die von Marc handelt, aber so weit von der Haupthandlung entfernt ist, dass ich am Ende Details des Anfangs vergessen hatte.

Nach der Einleitung werden zahlreiche Akte vollzogen und im letzten Viertel wird es interessant. Ich finde es gut, dass der Wendepunkt am Ende bereits am Anfang vorbereitet wurde und mancher Leser in die Irre geführt wird.

An diesen Stellen gibt es sogar Humor und ich habe mich oft gefragt: Warum hat die Autorin nicht mehr davon einbracht?!

Ich bin unentschlossen, wie ich das bewerten soll. Der Roman ist gut strukturiert und von außen betrachtet stimmig. Allerdings war ich der Sexszenen nach der Hälfte überdrüssig. Vielleicht gibt es Leser, die an dieser Stelle abbrechen...

Schreibstil und Perspektive


Das Buch ist flüssig geschrieben, es gab wenige Füllwörter und Tippfehler und ich bin gut durch den Text gekommen. Besonders bei den erotischen Szenen wurde mir bewusst, dass es ein Verlagsbuch mit Lektorat ist - die Szenen sind zügig geschrieben und sehr fließend, es gab keine Stolpersteine. Ich hatte den Eindruck, dass die Autorin Übung hat und das war sehr angenehm.

Die Sprache innerhalb der erotischen Szenen fand ich gut. Die Dinge werden beim Namen genannt, es wird aber nicht zu vulgär. Fantasievolle und/oder abwertende Namen für Geschlechtsteile gab's nicht, der Fokus liegt klar auf den Figuren. Allerdings empfindet das jeder anders.

Der Titel verspricht Tagebucheinträge eines Mannes - beides hält das Buch nicht ein. Man kann darüber streiten, was eine "männliche Perspektive" oder einen "männlichen Schreibstil" ausmacht. Aber für mich war es eine Standard-Ich-Perspektive, wie man sie aus ähnlichen Büchern kennt. Empfindsam, sehr detailliert, ein bisschen poetisch. Für die Tagebuch-Perspektive ist der Text zu unreflektiert. Es gibt Gedanken, aber keinen Gedankenstrom, wie man es bei einem Tagebuch erwartet. Marc lebt nur in der Gegenwart, bezieht seine Vergangenheit nicht ein. Aus therapeutischer Sicht ist er gescheitert :-)

Fazit


Man hätte das Buch "Ein Marc und drei Bunnys" nennen können, denn vielmehr ist es nicht. Eine gut geschriebene erotische Geschichte, die vieles, was sie verspricht, nicht einhält. Die Schlussbotschaft fand ich toll, aber das reicht nicht.

Wenn man erotische Literatur ausprobieren will und/oder ein Buch mit viel Kopfkino ohne Nachdenken sucht, ist "Marcs TageBuch" keine schlechte Wahl. Wer vom Genre mehr erwartet, sollte zu einem anderen Buch greifen.

Übriges


Es gibt tatsächlich eine Studie, in der eine Frau in einem MRT mastrubiert hat, und so ihre Gehirnströme gemessen werden konnte. Sie wurde von der Rudgers University durchgeführt. Der Guardian hat einen ausführlichen Artikel darüber geschrieben und einen Bericht der Testperson veröffentlicht.

In Deutschland hat u.a. der Stern einen Artikel über mögliche Vorgänge im Gehirn während des Höhepunktes geschrieben.

Wer das Thema hübsch verpackt genießen will, dem kann ich die Serie Masters of Sex empfehlen. Sie beschäftigt sich mit William Masters und Virginia Johnson, die zwischen 1957 und 1993 auf dem Gebiet der Sexualforschung tätig waren.

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