Mittwoch, 7. Juni 2017

"Wen Emma hasste" von Daniela Pusch

Hallo!

Es gibt nur wenige Jugendbücher, die mich reizen. Die "Secrets"-Trilogie ist eines davon. Ich bekam auf der LBM 2016 eine Leseprobe mit Auszügen aus den drei Büchern und fand das Konzept toll. Eine Geschichte, drei Perspektiven bzw. Autoren. Das klang zu einfach, um gut zu sein. Ich kann mich mit dem Grundstoff gut identifizieren, aber können die Autoren die Spannung über 3 Bücher halten?




Andererseits: 3 Bücher mit je 250 Seiten sind eine Menge Stoff. Und Geld. Daher war ich froh, dass ich das Buch auf der LBM 2017 kostenlos bekam (kleiner Spoiler: Die Verlage waren sehr freundlich gegenüber allen Besuchern - danke dafür!)

Allgemeines


"Wen Emma hasste" erschien im Februar 2016 und hat 240 Seiten. Die E-Book-Version kostet 4 EUR, die Hardcover-Variante 10 EUR.

Daniela Pusch wurde 1977 geboren und ist ein echtes Multitalent: Sie hat Kostümdesign studiert und beim Film gearbeitet. Sie hat sich zur freien Lektorin ausbilden lassen und arbeitet als Scriptdoktor. Sie hat Thriller geschrieben und... jetzt ein Jugendbuch :-)

Das Cover

 

Die Grundfarbe des Covers ist, neben Schwarz und Weiß, Hellblau. Das Rot Maries und das Lila Kassys passen gut dazu. Zu sehen sind zwei Mädchen, die einem dritten Geheimnisse zuflüstern. Thematisch gut, aber ich fand, dass der Schwerpunkt weniger auf Geheimnissen als auf einer Persönlichkeit liegt.

Der innere Umschlag zeigt Tagebucheinträge Maries. Sie wirken sehr authentisch: Die Schrift variiert, wir sehen Fotos und Zeichnungen und durch die Farbe Blau wird die Verbindung zum Cover hergestellt. Allerdings finde ich die Gestaltung irreführend - denn es geht nicht um Marie, sondern um Emma. Auch wenn Emma Maries Tagebuch findet, lesen wir nur selten Auszüge daraus. Übrigens auch nicht im zweiten Band, der sich mit Marie selbst beschäftigt.

Worum geht es?


Um eine Klippe. Und ein Mädchen, das dort stirbt. Höhepunkt einer Party und Schlusspunkt einer Freundschaft, die sich verändert hatte. Schlusspunkt eines Lebens, das von Ängsten und einer ungewissen Zukunft geprägt war. Beginn eines schmerzhaften Voranschreitens.

Marie, strahlender Mittelpunkt einer Mädchenclique, stirbt. Das Buch schildert Emmas Gedanken dazu. Es geht um die Vergangenheit und die Gegenwart.

Emma als Hauptfigur


Emma, Marie und Kassy bilden ein Dreieck, das ich schon manches Mal erlebt habe: Marie ist der strahlende Stern, zu dem Emma aufblickt, Kassy der störende Punkt.

Emma und Marie kennen sich seit der Grundschule. Ihre Freundschaft ist zufällig entstanden, aber sie hält. Marie hält alles zusammen, sie treibt voran. Ich empfand es nicht so, dass Marie der aktive und Emma der passive Teil der Beziehung ist, sondern Emma brachte eigene Ideen ein. Marie schätzt sie als Person. Allerdings ist in die Freundschaft Routine eingekehrt, die Kassy, zum Missfallen Emmas, aufbricht.

Emma fühlt sich ein bisschen minderwertig. Weil sie etwas pummlig ist und weil sie nicht weiß, was sie später machen will. Aber sie knüpft gern Armbänder :-) Emmas Familie ist relativ unproblematisch: Es gibt Regeln, aber ihre Eltern kümmern sich um sie und ihren Bruder. Das Verhältnis zu den Eltern ist entspannt. Allerdings entfremdet sich ihr Zwillingsbruder Daniel von ihr und Emma vermutet, dass er Drogen nimmt (ich denke, er dealt damit). Ich spürte, dass sie das verunsicherte. Emma kam mir isoliert vor. Daher ist es nachvollziehbar, dass sie eifersüchtig auf Kassy ist. Für ihre Über-Reaktion hätte ich sie aber, genauso wie Marie, angeschrien.

Emma schätze ich als naiv, aber kraftvoll ein. Sie ist eine loyale Freundin, die manchmal vergisst, dass es nicht nur um sie und ihre Verlustängste geht. Ihr Bedürfnis, Marie und die Freundschaft zu schützen, führt zu manch negativer Tat, aber auch viel Gutem.

Es gefällt mir, dass Emma aus einem positiven Umfeld kommt, sich aber negativ fühlt. Ich empfinde das realistischer, als ein persönliches Problem mit einer schwierigen Kindheit zu erklären. Und ich denke, dass sich (nicht nur!) junge Menschen in "Emma" wiedererkennen.

In einigen Rezensionen habe ich gemerkt, dass Emmas Abhängigkeit von Marie auf Ablehnung gestoßen ist. Vielleicht ist sie zu negativ und weiß nicht zu schätzen, was sie hat. Und sie hätte die Initiative ergreifen und sich weitere Freunde suchen können. Ja, hätte sie. Aber wenn sich die Welt um einen herum verändert, obwohl man nicht darum gebeten hat, ist das schwierig. Manche Menschen realisieren schnell, dass sie sich mit-verändern müssen, andere werden davon überrannt. Ich frage mich, ob diese Verhaltensmuster tatsächlich nur auf Jugendliche zutreffen - sind wir nicht auch als Erwachsene ein Stück von anderen abhängig?

Am Ende wächst Emma über sich hinaus, weil sie an etwas glaubt. Sie verwandelt sich nicht in eine starke Superheldin, sie schreit. [Spoiler] Das einzige, was ihr von Marie geblieben ist, ist der Glaube daran, dass sie sich nicht umgebracht hat [/Spoiler]

Für mich ging das ein bisschen unter, weil ich die Geschichte spannend fand, aber naja.


Wie spannend war es?


Sehr. Weil ich wusste, dass der Mord (?) in diesem Band nicht aufgeklärt wird. Der Text liefert Hinweise, Möglichkeiten. Aber mehr nicht. Außerdem schafft es die Autorin, Emmas negative Stimmung mit kleinen Handlungssträngen zu untermalen, sodass es nie langweilig wird.

Im Laufe des Buches blicken wir in die Vergangenheit, in Maries Tagebuch und in die Jetzt-Zeit, in der Emma von "Tobi" angeschrieben und über Maries Tod ausgefragt wird. Besonders Letzteres gab dem Buch Frische, weil Emma eigene Probleme bewältigen muss.

Schreibstil


Durch die Ich-Perspektive ist der Stil locker, aber gut lesbar. "Richtige" Jugendsprache wird in den Dialogen sichtbar, besonders bei Kassy. Ich finde die Umgangs-/Jugendsprache real. Aber es ist immer sehr ungewohnt, Dinge so aufgeschrieben zu sehen, wie man sie spricht. Für mich war der Text gut lesbar.

Fazit


Ich fand's gut. Auch wenn das Buch wenig erzählt, wird es nie langweilig. Als großen Vorteil sehe ich, dass das Buch Hinweise gibt und man überlegen kann, ob und von wem Marie getötet wurde. Im Gegensatz zu einem richtigen Thriller/Krimi steigt und sinkt die Spannung nicht so krass. Gut für die Nerven und passend für einen Sommerabend.

Kommentare:

  1. Hallo Eva
    Das hört sich gut an und nach etwas, das mir auch gefallen könnte. Danke für die Vorstellung
    Liebe Grüße

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    1. Danke für deinen Kommentar :-) Ich habe verschiedene Meinungen zum Buch gehört. Wenn man sich auf die Figur einlassen kann, ist es gut. Ansonsten kanns schwierig werden.

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  2. Hi Evy
    Danke für den Einblick ins Buch bzw. die Serie. Ich tue mich mit Serien immer etwas schwer, gerade wenn die Hauptfrage über die verschiedenen Bücher geht. Mir wird die Geschichte dann gern zu "trocken".
    Spannend finde ich, wie du das Buch beschreibst. Gerade auch, dass du verschiedene Betrachtungsweisen wiedergibst und auch z.B. den Schreibstil bewertest.
    Herzliche Grüsse

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    1. Danke! Ich hätte nicht gedacht, dass es so gut funktioniert, mit der Spannung. Aber man darf nicht vergessen, dass die Frage, wer es war, auch gut über Schwächen des Buches hinwegtäuschen kann.

      Verschiedene Seiten: Den Schreibstil finde ich sehr wichtig! Worte können leider nicht das Gefühl ersetzen, das man verspürt, wenn man selbst hineinliest, aber es auch ein interessantes Feld. Ich kann ergründen, ob der Stil zur Zielgruppe passt bzw. welche Zielgruppe der Stil anspricht.

      Rezensieren ist ein toller Prozess, aber die Frage "Wie kann ich die Rezi noch besser machen?" kann nerven :-)

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